Halle, in Verlegung des Waysen-Hauses, 1710 1772
Signatur: BFSt: MISS:A 1; 121 K 1-9
Die unter dem Namen "Hallesche Berichte" bekannten, periodisch erschienenen Missionsberichte aus Indien im 18. Jahrhundert gelten als erste protestantische Missionszeitschrift.
Als König Friedrich IV. von Dänemark für seine überseeischen Kolonien in Südindien Missionare suchte, vermittelte sein Hofprediger Franz Julius Lütkens zwei Theologen aus Halle, Bartholomäus Ziegenbalg (1682-1719) und Heinrich Plütschau (1677-1746), die 1706 in Tranquebar eine Missionsstation aufbauten. Im Verlauf von fast 150 Jahren wurden insgesamt 60 Missionare von Halle aus nach Indien entsandt. Die Missionare sandten regelmäßig Briefe und ausführliche Berichte zu August Hermann Francke, seinen Mitarbeitern und Nachfolgern nach Halle. Viele dieser Briefe und Berichte sind im Archiv der Franckeschen Stiftungen überliefert. 1710 wurden diese Berichte erstmals unter dem Namen "Der Königlich dänischen Missionarien aus Ost=Indien eingesandter ausführlichen Berichten erster Theil, Halle 1710" veröffentlicht. Diesem ersten Bericht folgten 108 Continuationen bis zum Jahr 1772, die in der Buchhandlung des halleschen Waisenhauses verlegt wurden. An diese Berichte schloss die in der Folge erschienene "Neuere Geschichte der Evangelischen Missions-Anstalt zur Bekehrung der Heiden in Ostindien", Halle 1776-1848 an, fortgesetzt als "Missionsnachrichten der ostindischen Missionsanstalt zu Halle", erschienen 1849-1880 in vierteljährlichen Heften.
Die einzelnen Continuationen der "Halleschen Berichte" wurden von den Direktoren der Franckeschen Stiftungen herausgegeben, die die eingesandten Briefe, Diarien und Berichte der Missionare redaktionell überarbeiten ließen, um die Missionstätigkeit für ein europäisches Lesepublikum verständlich aufzubereiten und die religiösen Ideen des halleschen Pietismus einzubeziehen. Die Berichte stellten lange Zeit den einzigen und wichtigsten Träger des Missionsinteresses in Deutschland dar. Die Themen der Berichte umfassen Religion und Philosophie, Gesellschaftsstruktur, Literatur und Sprache, Moral, Sitten und Gebräuche, Ackerbau und Handwerkskunst sowie Mathematik, Botanik, Medizin und Astronomie.
Von der Forschung sind die "Halleschen Berichte" primär aus sprachwissenschaftlicher, religionswissenschaftlicher und missionsgeschichtlicher Sicht untersucht worden. In den letzten Jahren werden sie von der internationalen Forschung unter interdisziplinärem Ansatz als eine herausragende Quelle zur Südindienkunde des 18. Jahrhunderts in den Blick genommen. Die "Halleschen Berichte" gehören damit heute zu den zentralen und viel genutzten Quellen zur Geschichte der Franckeschen Stiftungen und ihrer Missionstätigkeit.
Alle Berichte bzw. Continuationen beginnen mit der Vorrede des Herausgebers, des jeweiligen Direktors der Franckeschen Stiftungen. Dann folgen Briefe, kleine Beiträge und Nachrichten oder Diarien der Missionare. Eingefügt sind außerdem Kupferstiche, beispielsweise die Porträts der Missionare, Karten, Darstellungen der Tamilen etc. Der Inhalt der "Halleschen Berichte" wird primär von den Briefen der Missionare geprägt, die in Halle redaktionell bearbeitet und damit zensiert wurden.
Der Gesamtumfang des von 1710 bis 1772 erschienenen Periodikums beträgt ca. 17.500 Seiten. Neben Textseiten finden sich 46 Seiten mit Kupferstichen, Tafeln und Karten, die zum Teil aufklappbar sind.
Für die Recherche in den "Halleschen Berichten" stehen in der digitalen Bibliothek sowohl ein Inhaltsverzeichnis als auch eine Datenbank zur Verfügung. Im Inhaltsverzeichnis führen Verknüpfungen zu den Titelseiten der Continuationen. Separat können die Abbildungen aufgerufen werden. In der Datenbank sind alle Einzelbeiträge der Continuationen erfasst, die durch eine Register-, eine einfache oder eine kombinierte Suche z.B. nach Namen, Orten oder Datumsangaben ermittelt werden können. Von der bibliographischen Beschreibung führen Links zu den Digitalisaten und zu den Erschließungsdaten der handschriftlichen Quellen im Archiv der Franckeschen Stiftungen, die den gedruckten Beiträgen zugrunde liegen.
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Literatur:
Missionsberichte aus Indien im 18. Jahrhundert. Ihre Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte und ihr wissenschaftlicher Quellenwert für die Indienkunde, hrsg. von Michael Bergunder und Rahul Peter Das, Halle 1999, 2. Aufl. Halle 2004 (Neue Hallesche Berichte, 1).